Freie Presse vom 5.März 2003

Wo die Hochzeitstorte nicht durch die Tür passt

Vor 90 Jahren öffnete in Neuwürschnitz Bäckerei und Gastwirtschaft Berthold – Café seit der Wende wieder in Betrieb

Von Gisela Kögler

Oelsnitz/OT Neuwürschnitz. Was haben die Bertholds, Leichsenrings und Walters gemeinsam? Alteingesessene Neuwürschnitzer wissen es genau: Diese drei Familien stehen für traditionelles Handwerk, und das seit nunmehr 90 Jahren. Das am 13. März 1913 von Bernhardt und Elsa Berthold gekaufte Geschäft mit Bäckerei, Konditorei, Café und Gastwirtschaft musste sich zunächst einmal in seiner Gründerzeit als "Neuling" bewähren - und tat es mit Bravour. Doch als 1943 der Meister starb, standen die beiden Töchter vor einer schwierigen Entscheidung: Weitermachen oder schließen? 1949 heiratete Max Leichsenring ein. Nun ließ sich die Veranwortung leichter tragen. Der Laden lief - und war erfinderisch. Das erste Speiseeis Anfang der 50er Jahre - für die Kunden eine willkommene Überraschung. Seit 1971 führen die jetzigen Inhaber, Heinz-Georg und Helga Walter, den Handwerksbetrieb. Helga Walter ist die Tochter von Max und Flora Leichsenring. "Ich bin reingewachsen, und mir hat die Arbeit immer schon riesigen Spaß gemacht." Chefin Helga freut sich, wenn sie im Laden steht und die Kunden bedienen kann. Aber sie denkt auch oft zurück an das Jahr 1989, als die geänderten politischen Verhältnisse einen Neuanfang möglich machten: Das 1978 geschlossene Café wurde neu eingerichtet, im Oktober 1990 war Eröffnung. Seit dem erfreut es sich großer Beliebtheit und steht "Naschkatzen" auch sonntags offen. Die Produktionsräume, in denen gegenwärtig 33 Mitarbeiter tätig sind, unter ihnen fünf Lehrlinge, wurden umgestaltet. Das Haus selbst erhielt seine alte Fassade zurück. Neue Ideen seien immer wieder wichtig, um die Wünsche der Kunden zufrieden zu stellen, sind sich Helga Walter und Tochter Katja, die ihre Meisterprüfung schon lange bestanden hat, einig. Und so ist auch das beliebte Erdbeer-Omelett entstanden, das es immer zur Zeit der süßen Früchtchen gibt. Bäckermeister Heinz-Georg Walter hat mehr die Weihnachtsbäckerei im Visier. Seine Stollen brachten ihm schon mehrmals die Auszeichnung "Stollenkönig" ein. Das ganze Jahr über sind die Hochzeitstorten gefragt. Manchmal sind es sogar sehr große Torten. Darüber, dass einmal eine solche aufgrund ihrer Größe bei der Anlieferung ins Hochzeitshaus nicht durch die Tür passte, kann die Chefin noch heute schmunzeln. Noch nichts erzählen will sie über die Festwoche vom 11. bis 15. März. "Das soll eine Überraschung für unsere Kunden werden."