Freie Presse vom 13. März 2013

Sahnehäubchen für Familienunternehmen

Der heutige 13. März ist für das gesamte Team der Neuwürschnitzer Bäckerei Walter ein ganz besonderer Tag. Gemeinsam mit Geschäftspartnern, Kunden und ehemaligen Mitarbeitern feiert das Team an der Oberwürschnitzer Straße ein großes Firmen-Jubiläum.

Neuwürschnitz. Auf den Tag genau vor 100 Jahren haben Bernhard Berthold und seine damalige Freundin und spätere Frau Elsa die Bäckerei in Oberwürschnitz eröffnet. "Es war mein Großvater, der somit den Grundstein für das Familienunternehmen legte. Unter den damaligen Verhältnissen war das alles andere als leicht", sagt die 61-jährige Konditormeisterin Helga Walter. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Heinz, dem 67-jährigen Bäckermeister, hat sie bis 2007 und damit rund 36 Jahre an der Spitze des Unternehmens gestanden.

"Bei uns waren es immer Töchter, die das Geschäft weiterführten", erklärt Helga Walter und blättert in der Chronik. So gingen aus der Ehe ihres Großvaters zwei Mädchen, Flora und Irmgard hervor. Nach dem Tod des Vaters in den schweren Kriegsjahren 1943 standen die beiden jungen Frauen völlig allein da und führten unter großen Entbehrungen so gut es ging die Bäckerei weiter. "Noch heute ziehen wir den Hut davor, wie sie das damals alles geschafft haben", schätzt anerkennend die ehemalige Bäckerei Chefin die Leistungen ihrer Mutter Flora und ihrer Tante Irmgard ein.

Doch zum Glück kamen für das Familienunternehmen wieder bessere Zeiten. Denn 1948 heiratete ihre Mutter Flora ihren Vater Max Leichsenring. Beide übernahmen das Geschäft. Mit viel Fleiß und persönlichen Einsatz brachten sie die Bäckerei wieder auf Vordermann. Noch gut kann sich Helga Walter an den Anfang der 1950er Jahre erinnern, als die Eltern das erste Speiseeis herstellten und nicht zuletzt an die vielen baulichen Veränderungen, wie beispielsweise den Anbau an die Backstube.

Dann kam das Jahr 1971. Obwohl sie in einer Bäckerfamilie aufgewachsen und mit der Produktion und dem Ablauf in einer Bäckerei bestens vertraut war, kam doch die Geschäftsübernahme für die damals 19-jährige und ihren Mann ziemlich überraschend. Vater Max musste wegen einer schweren Krankheit die Bäckerei bereits frühzeitig abgeben. Mit viel Elan begannen die beiden jungen Eheleute die Backstube, den Verkaufsraum und nicht zuletzt das Kaffee zu modernisieren. Eine große und willkommene Erleichterung für das gesamte Walter-Team war 1973 die Inbetriebnahme des Gasbackofens. "Endlich hörte damit das eimerweise Schleppen der Kohlen auf", so Heinz Walter.

Die Wende brachte auch für die Bäckerei einen neuen Schub. Laut Helga Walter konnte im Oktober 1990 das Kaffee wieder eröffnet werden. Zu den ersten Gratulanten gehörten das Ehepaar Ingrid und Kurt Biedenkopf. Um im Wettbewerb weiter bestehen zu können, wurden die Produktionsräume weiter ausgebaut und das Haus erhielt wieder seine alte Fassade zurück. Auch die beiden Walter Töchter Katja und Annett packten in jungen Jahren im elterlichen Betrieb kräftig mit zu. Während Katja, die jüngere von beiden, beruflich in die Fußstapfen ihrer Eltern trat, entschied sich Annett für eine andere berufliche Laufbahn.

In all den Jahren wurden in der Neuwürschnitzer Bäckerei über 60 Lehrlinge ausgebildet. Nicht wenige davon sind heute als Backstubenleiter in anderen Bäckereien tätig. Und nicht selten kommt es vor, dass einstige Lehrlinge mal bei der Familie Walter vorbeischauen und erzählen, wo und in welchen Bäckereien sie heute arbeiten. Fünf Frauen und Männer, die in der Walter Bäckerei ihr Handwerk erlernten, gehören heute zum festen Personalstamm, bestehend aus insgesamt zwölf Bäckern und Konditoren. "Damit auch alles qualitätsgerecht an die Kunden kommt, dafür sorgen im heimischen Laden täglich zwei Verkäuferinnen sowie weitere 30 Verkäuferinnen und Fahrer in den neun Filialen in Chemnitz und im Altkreis Stollberg." Diese werden montags bis samstags von der Bäckerei Walter beliefert.

Vor rund sechs Jahren haben Tochter Katja, die in Köln ihre Prüfung als Konditoreimeisterin erfolgreich abschließen konnte und Schwiegersohn Lutz, der als Bäckermeister die Backstube leitet, den Staffelstab für die Geschäftsführung übernommen. Beide führen gemeinsam mit einem erfahrenen Team die Bäckerei- Traditionen in vierter Generation erfolgreich fort.

Werner Richter